1996 - 2022 herausgegeben von Paul Tiedemann |
0. Gewissensfreiheit allgemein
0.4 Psychologische Literatur
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William P. Mahedy
Out of the Night. The Spiritual Journey of Vietnam Vets
Knoxville, TN: Radix Press, 3. Aufl. 2004
Unter den schmerzhaften Folgen, die die amerikanischen Soldaten in Vietnam und durch Vi-etnam erlitten, nämlich der Verlust des religiösen Glaubens, die ungelösten moralischen Fra-gen, den durchdringenden Zynismus, findet sich insbesondere eine in fast allen Geschichten, die Veteranen erzählen: das Gefühl der Schuld. Diese Schuld erwächst zum Teil einfach aus der Erkenntnis, an etwas Bösem teilgenommen zu haben, das Gewissen missachtet und ge-gen moralische Standards gehandelt zu haben, die zuvor als gültig akzeptiert worden waren. Als die Vietnam-Soldaten die Wahrheit des Krieges erkannten, erfuhren viele ein grundlegen-des und allumfassendes Gefühl der Schuld. (S. 24) Sie erkannten voll Schrecken, wer sie wirklich waren, dass in ihnen eine fast grenzenlose Fähigkeit zur Gewalt lag. Monströse Ver-brechen waren jetzt nicht mehr nur etwas, das anderen zugerechnet werden konnte. Wie einst Adam fühlen sie sich nackt im Garten stehen, überflutet mit Schuld. Dieses Schuldge-fühl ist unabhängig davon, was jemand in Vietnam wirklich gemacht hat. Es beruht einfach auf der Erkenntnis, an einem monströsen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Dazu kommt die Schuld, die einer allein deshalb spürt, weil er überlebt hat, während andere Kameraden gefallen sind (Überlebensschuld). (S. 25) Für jemand, der noch nie an Kampfhandlungen beteiligt war, ist die brutale Transformation unvorstellbar, die unter Feuer in der Persönlichkeit des Soldaten stattfindet. (S. 29) Der ent-scheidende Unterschied zwischen den Anti-Kriegs-Protestierern zu Hause und den Veteranen besteht nicht in dem, was sie getan haben, sondern darin, was sie über sich selbst erfahren haben. Die Protestierer können den Mythos der eigenen Unschuld aufrechterhalten, aber die Veteranen kennen die Wahrheit über das menschliche Böse. (S. 30)
Die ungeheure Verkehrung der moralischen Werte im Kampf führte auch zu einer Umwer-tung aller Werte im Übrigen. Prostitution, Schwarzmarktgeschäfte, Drogenhandel und Dro-genkonsum waren an der Tagesordnung. Die Ungültigkeit der Tötungshemmung machte auch alle anderen moralischen Werte bedeutungslos. (S. 40) Ein Standardspruch vieler Veteranen lautet: "I don't mean nothing". In diesem Satz äußerst sich der Tod eines mächtigen nationalen Mythos. (S. 43) Dieser Mythos beruht auf dem Geist des Calvinismus, von dem nicht nur jene Kirchen infiziert sind, die der kalvinistischen Traditi-on angehören, sondern auch alle anderen und überhaupt das öffentliche Bewusstsein in den USA. Für diesen Mythos sind zwei grundlegende Ideen konstitutiv: Erstens der Glaube, dass der religiöse Glaube eine innere Sicherheit vermitteln muss, das Gefühl sicher und gerettet zu sein. Zweitens der Glaube, dass materieller Wohlstand ein Zeichen für die Gnade Gottes ist, deren man teilhaftig ist. Wir Amerikaner müssen nicht einfach nur moralisch und religiös sein, sondern wir müssen uns auch so fühlen. Dieses Gefühl umfasst eine innere Gewissheit, von Gott bevorzugt zu sein. Und diese Bevorzugung zeigt sich in Wohlstand, Erfolg und materiel-lem Segen. Denn all dies beruht nicht auf unserem Schaffen, sondern ist ein Geschenk Got-tes. Die authentische biblische Religion ist nicht davon abhängig, dass man sich gut fühlt und auch nicht von materiellem Wohlstand, aber die Amerikaner glauben das. Auch der Krieg wird nach diesem Mythos verstanden. Der Glaube, dass Gott "auf unserer Seite ist", erlaubt es dem Soldaten, gesund zu bleiben und davon überzeugt zu sein, dass es moralisch korrekt ist zu töten. Dieses Gefühl ist seine einzige Abwehr des Nihilismus. Ohne diese Überzeugung kann der Soldat nur noch sagen "It don't mean nothing." (S. 45)
Eine große Zahl von Vietnam-Veteranen wurden zu religiösen Agnostikern oder Religionsfeinden, weil sie ernst genommen haben, was ihnen in den Sonntagsschulen gelehrt worden war. (S. 45) Sie fühlen sich jetzt nicht mehr als moralisch und religiös gesegnet, sondern sowohl als Täter wie auch als Opfer massiver und sinnloser Gewalt. Sie wurden in eine religiöse Erfahrung eingetaucht, auf die sie nicht vorbereitet waren. Diese Erfahrung führte zu einem völlig unvorhergesehenen seelischen Tod. Das Reservoir der moralischen Quellen trocknete aus und damit verloren die Soldaten jenen Sinn im Leben. (S. 46) Als die Soldaten aus der Hölle des Krieges zurückkehren, wurden sie in der Heimat zu öffent-lichen Sündenböcken. (S. 61) Für viele war der Suizid der letzte Ausweg. Sie mussten sich in die Gesellschaft zurück schleichen, weil sie grausam und inhuman behandelt wurden nach ihrer Rückkehr. (S. 63)
Archaische Stämme unterziehen zurückkehrende Kämpfer gewissen Reinigungsriten. (S. 70) Sie müssen sich von den Akten der Grausamkeit reinigen, die sie während des Krieges be-gangen und die in jeder Gesellschaftsordnung inakzeptabel sind. Erst dann durften sie in die Gesellschaft zurückkehren. Auf diese Weise distanzierte sich der Stamm von diesen Gewalt-taten und übernahm zugleich die Verantwortlichkeit für seine Krieger. Ebenso suchten auch die Vietnam-Veteranen nach einem Reinigungsritual, das sowohl das Willkommen zu Hause als auch die Übernahme von Verantwortung durch die Gesellschaft mit sich bringen sollte. Doch es konnte kein solches Purgatorium geben, weil die Amerikaner den Krieg anders ver-standen als er in archaischen Zeiten verstanden worden ist. Nach diesem Verständnis bedarf es keiner Reinigung, weil der Krieg, den Amerikaner führen, immer gerecht ist und damit alle Kriegshandlungen gerechtfertigt sind. Amerika war nur in der Lage, siegreiche Kreuzfahrer zu begrüßen, Menschen, die für das Gute und gegen das Böse gekämpft hatten. Nach den Kriegshandlungen selbst wurde nie gefragt, mit Ausnahme des Falles der besiegten konföde-rierten Armee nach dem Bürgerkrieg. Ein solcher Empfang fand für die Vietnam-Veteranen nicht statt, weil kein Sieg zu bejubeln war. Erst zehn Jahre später konnte durch das Vietnam Memorial in Washington und die Konfettiparade in New York die Entfremdung der Veteranen vom Rest der Gesellschaft wieder etwas verkleinert werden, also zu einer Zeit, als die öffent-liche Erinnerung an den Krieg schon verblasste. Doch nirgends gab es so etwas wie ein Rei-nigungsritual. Es gab auch nirgends den Gedanken einer moralischen Verbindung zwischen dem amerikanischen Volk und den Kampfhandlungen seiner Soldaten in Vietnam. (S. 71) Die öffentliche Erinnerung an den Vietnamkrieg war erst nach dem erfolgreichen Kampf in Gre-nada möglich, so dass er hinter diesem Erfolg mehr und mehr unsichtbar wurde. Diese lange Dauer gesellschaftlicher Isolierung produzierte Menschen mit einem außergewöhnlichen Ta-lent zur Durchdringung mit Scham und Maskerade. Bei einigen brachte das kreative Einsam-keit hervor, bei anderen nur Schmerz. (S. 72)
Die unterschwellige, unausgesprochene und unhinterfragte Annahme in unserer Kultur ist, dass wir die moralisch unschuldigen Agenten des Guten in einer bösen Welt sind. Das wird nicht in einem förmlichen Sinne gelehrt. Es ist weder eine Konzeption noch eine Doktrin. Es ist eher Teil der Struktur, in der wir in den USA aufwachsen. Vietnam-Veteranen verloren sowohl ihre persönliche als auch ihre kulturelle Unschuld. (S. 96) Moralische Schuld hat nichts mit dem Überleben zu tun. Sie resultiert vielmehr aus der Er-kenntnis, dass die eigenen persönlichen Handlungen im Krieg falsch waren. Sie kann aber auch aus dem Bewusstsein hervorgehen, dass der Krieg als solcher böse war und man nicht hätte daran teilnehmen sollen. Schuld in diesem Sinne ist keinesfalls ein klinisches Symptom. Im Gegenteil: Es resultiert aus einem klaren Verstand und der Analyse des eigenen früheren Verhaltens in Beziehung zu moralischen Standards jenseits der eigenen subjektiven Gefühle. (S. 110) Es wäre ein Fehler, diese Schuldgefühle als klinische Symptome von Angst oder einer Belastungsstörung aufzufassen. (S. 111)
Der Veteran hat oft die Erfahrung gemacht, dass er die Ausübung von Gewalt lustvoll erlebt hat. Sie fühlten sich wie jemand, der "Gott spielen" darf. (S. 111)
Diese Art der Schuld kann nicht durch Therapie neutralisiert werden. Sie entwickelt sich oft zur Depression und selbst-destruktiven Tendenzen. Die einzige Lösung besteht darin, sein Le-ben zu verändern. Wo jemand früher jemand war, der den Tod brachte, muss er jetzt jemand werden, der das Leben und den Frieden bringt. (S. 118) Gewissen im Freudianischen Sinne ist ein unbewusstes Gewissen, es funktioniert unterhalb der Schwelle der Wahrnehmung. Im Kontext der Psychotherapie ist Schuld ein Gefühl, das aus verbotenem Verhalten oder verbotenen Einstellungen resultiert. Dagegen ist Gewissen, wie es in der Moralphilosophie der jüdisch-christlichen Tradition verstanden wird, ein moralisches Wissen. (S. 119) Es ist ein Urteil des Bewusstseins, dass ein Verhaltensakt entweder gut oder böse ist. Schuld resultiert aus der Erkenntnis, dass man gegen dieses Urteil des Ge-wissens verstoßen hat. Es mag dabei von einem Gefühl oder einer Emotion der Schuld begleitet sein oder nicht. Die Therapie gegen diese Schuld besteht in einer Arbeit, die die Symptome der Schuld lindert, nämlich Reue und die Bitte um Vergebung durch Gott, einen selbst oder die Gemeinschaft. (S. 120) Die Schuld, die viele Veteranen auf sich geladen haben und denen sie sich bewusst sind, hat sie ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstschätzung als mora-lisches Wesen verlieren lassen. Die einzige Abhilfe dagegen ist die Wiedererlangung eines Sinns für sich selbst in einer liebenden Beziehung mit anderen. Das ist unmöglich im Rahmen einer Psychotherapie. (S. 121) Kriege, die Amerikaner führen, müssen nicht einfach nur gerecht sein, sie müssen heilig sein. Es muss sich um einen Kreuzzug handeln. Dieses Verständnis des Krieges ist näher an dem islamischen Konzept des Dschihad oder des mittelalterlichen Kreuzzuges - und die werden heute als sündhafte Abirrungen von der christlichen Lehre und Praxis verstanden. (S. 155) Amerikaner stellen sich Jesus vor wie John Wayne. Die Pilgerväter glaubten an eine religiöse Bestimmung, als sie auf dem Kontinent ankamen und die Wildnis besiedelten. Amerika galt ihnen als auserwähltes Volk unter den Völkern. (S. 156) George Washington war in den Au-gen seiner Zeitgenossen eine Moses ähnliche Figur. Der Bürgerkrieg wurde als nationales religiöses Opfer begriffen, das der Selbstreinigung vor Gott diente. Auch Abraham Lincoln wurde nach seinem Tod wie ein Christus angesehen. Der Zweite Weltkrieg war ein Kreuzzug und die Niederlage der Gegner war so total, dass der Mythos gegen alle Zweifel bestätigt zu sein schien. (S. 157) Freiheit wird in Amerika als ein religiöser Begriff verstanden, es handelt sich um moralische Freiheit in Bezug auf den Bund zwischen Gott und den Menschen. Es ist die Freiheit einzig das zu tun, was gut, gerecht und ehrenhaft ist.
Wissenschaftler nennen den Mythos einer Nation ihre Zivilreligion. Was die amerikanische Zi-vilreligion von anderen unterscheidet ist die Abhängigkeit von den israelitischen und christli-chen heiligen Schriften. Wir lieben es, unser Selbstverständnis in Begriffen des traditionellen biblischen Glaubens auszudrücken. (S. 158) Die Verbitterung der Veteranen erwächst daraus, dass diese Vorstellung an der Realität vorbeiging. Gott hat sie nicht erlöst wie es der nationale Mythos versprochen hatte. (S. 159) Die offene Gottesfrage führte zum Verlust des Lebens-sinns. Der Veteran fragt sich, ob er in einer Beziehung zu seinem Schöpfer steht oder nicht vielmehr ein ziellos durch das sinnlose Universum fliegendes Etwas ist. (S. 161)
Literaturhinweis: Peter Marin: Living in Moral Pain, Psychology Today vol. 15 no 11 (Nov. 1981) Im Buch angetackert: Ausdrucke von Internetquellen, die belegen, dass mehr Vietnam-Veteranen Suizid be-gangen haben als im Krieg gefallen sind. (insb. SZ v. 24.10.2007 "Eine schreckliche Statistik")